Träume verstehen

Progression des Seins

Der Gorilla – Claudio (9) träumt:

Walking_bossHendrik ist neun Jahre alt und erzählt uns folgenden spannenden Traum, aus dem sich ein erstaunliches Traumgespräch entwickelt:

Mit Hendrik bin ich im Dschungel. Wir spielen mit anderen aus der Schule. Dann verlier ich den Hendrik. Da kommt ein Affe. Der hat so was wie eine große Gabel und lange Hörner und Vampirzähne. 

Wer ist Claudio? Claudio ist ein witziger aber sensibler Junge. Er kann sich sehr gut in andere Menschen einfühlen und über sich und seine Gefühle sprechen. Doch Claudio hat ein großes Problem: In der Schule fällt er durch unangemessenes Verhalten auf. Er ist in Streitereien verwickelt, stört den Unterricht und lässt sich leicht von Mitschülern ablenken. Das führt dazu, dass er von seinen Lehrern immer wieder ermahnt und bestraft wird. Claudio fühlt sich dabei häufig ungerecht behandelt, was ihn enttäuscht und wütend macht. Claudio ist in einen Teufelskreis von Störungen und Strafen geraten, aus dem er sich weder selbst noch mit Hilfe seiner Lehrer und seinen Eltern befreien konnte. Im Laufe der letzten Jahre ist Claudio auch stark übergewichtig geworden. Seine Mutter erzählt, dass Claudio dick geworden ist, als die Probleme in der Schule begonnen hatten.

Was geschah an den Tagen vor dem Traum? Claudio geht in die vierte Klasse einer Grundschule. Er hat sein Halbjahreszeugnis bekommen. Seine Leistungen waren so schlecht, dass seine Versetzung gefährdet ist. Daraufhin empfahl die Klassenlehrerin Claudios Mutter den Besuch einer Sonderschule. Dort könne Claudio individuell gefördert und intensiv betreut werden, was in der Regelschule nicht möglich ist.

Claudio und seine Mutter Antonia sprechen über den Traum:

Antonia: Warst du alleine als der Affe aufgetaucht ist? (Details erfragen)

Claudio: Ja, Hendrik ist dann weg und dann kam der Affe, und auf den Armen war alles voll Blut. Keiner hat mir geholfen. Die Gabel hat drei Zähne und damit hat mich der Affe aufgespießt. Der Traum kommt immer wieder. Das war nicht das erste Mal. Einmal hat er mich gebissen mit den Zähnen wie vom Vampir. (Macht eine Zeichnung von den Vampirzähnen) Dann hat er mich getötet. (erregt)

Antonia: Und die Träume sind immer gleich? (Klären)

Claudio: Nein, nicht immer. Manchmal renn ich weg und der Affe kriegt mich nicht. Manchmal aber tötet er mich, mit seinen Hörnern spiest er mich auf. Und einmal habe ich den Affen auch getötet, aber er stand wieder auf und dann sah der Affe noch gruseliger aus. (angeekelt)

Antonia: Du konntest ihn also noch nie besiegen? (Verhalten erfragen)

Claudio: Nein, der Affe gewinnt immer. Keiner konnte ihn je besiegen und keiner konnte mir helfen. Manchmal benutze ich auch einen Trick. Dann kneife ich die Augen im Traum ganz fest zusammen und dann wach ich auf. (stolz)

Antonia: Das ist ja ganz toll, wie schlau du bist, dann hast du schließlich eine Möglichkeit gefunden, dem Affen zu entwischen. (Stärken benennen) Spricht denn der Affe mit dir? (Auf die Traumfiguren achten)

Claudio: Nein, wie ein Affe eben macht, seine Stimme klang gemein, wie eine Teufelsstimme. Affen benehmen sich so gemein und fies. (enttäuscht)

Antonia: Kennst du denn jemand, der sich auch so gemein und fies benimmt? (Brücken ins Wachleben schaffen)

Claudio: (nach einer kleinen Pause) … ja, Frau Steinhardt. Sie hat auch so eine Teufelsstimme und die Haare sind so wie beim Affen. (überrascht)

Antonia: Du meinst Frau Steinhardt deine Lehrerin. (Klären)

Claudio: Ja, meine Lehrerin. Das Gesicht von Frau Steinhardt ist wie das Gesicht von einem Monster und sie bewegt sich wie ein Gorilla. Ich bekomme ein dummes Gefühl von Angst, wenn ich Frau Steinhardt sehe. Auch Hendrik hat Angst vor ihr.

Antonia: Was glaubst du denn, weshalb hast du so viel Angst vor Frau Steinhardt? (Gefühle ansprechen – Brücken ins Wachleben)

Claudio: Gestern musste ich vor die Tür, weil ich gestört hab. Als ich wieder zurück durfte hat sie gesagt, dass sie mich gar nicht vermisst hat. Das ist gemein! Sie interessiert sich nicht für das Wohl der Kinder.

Antonia: Hast du schon mal was zu ihr gesagt wegen deiner Angst? (Brücken ins Wachleben schaffen)

Claudio: Lieber schlimme Träume als mich blamieren. Sowieso lehnt sie den Kontakt mit mir ab. Manchmal entschuldige ich mich auch, wenn ich was Schlimmes mache. Ich will es ja eigentlich gar nicht. Aber dann ist es wieder so, dass ich meine Wut nicht kontrollieren kann. Es ist, als würde die Wut mich kontrollieren.

 So denkt Antonia über Claudios Traum: Wie viel Angst muss Claudio vor dieser Lehrerin haben, wenn er sie so in seinen Träumen darstellt. Der Vergleich ist wenig charmant, aber schließlich ist diese gute Frau ja ziemlich dick und sie bewegt sich wirklich ganz schwerfällig, ja wie ein Gorilla. Erstaunlich, wie passend Träume sein können. Und Claudio macht mir so viel Sorgen. Er tut sich seit der ersten Klasse schwer mit der Schule und dem Lernen. Immer diese Kämpfe. Wenn er sich nur besser konzentrieren könnte. Lediglich von seiner Klassenlehrerin erhält er Unterstützung, sonst steht er ganz alleine da. Alle halten Claudio für den Aggressiven, aber der Traum zeigt doch, dass er eigentlich das Opfer ist. Er kann sich nicht gegen diesen übermächtigen Affen behaupten. Und auch in der Schule ist es nicht viel anders, denn keiner unterstützt ihn, da muss man sich doch hilflos fühlen. Die Atmosphäre in der Schule ist schon so vergiftet. Hat er dort überhaupt noch eine Chance oder sollte ich ihn besser gleich in einer anderen Schule anmelden?

Vergleich von Wachleben und Traum: Claudio verhält sich gegenüber dem Affen im Traum und der Lehrerin in der Schule sehr defensiv. Im Traum ist er überfordert mit dieser lebensbedrohlichen Situation. Er rennt weg vor der Gefahr und wenn er sich ihr stellt, kommt sie mit gesteigerter Härte zu ihm zurück. Was Claudio auch tut, er ist nicht erfolgreich. Ähnliche Niederlagen erlebt er auch in der Schule. Was es für Claudio bedeutet, im Kampf gegen übermächtige Kräfte immer und immer wieder der Unterlegene zu sein und nichts dagegen tun zu können, zeigt sein Traum: Aufgespiesst von den Hörnern eines Monsters, von Vampirzähnen brutal in den Hals gebissen oder vom Dreizack erstochen – Claudio erleidet auf unterschiedliche Weise schwerste Verletzungen. In diesem Schreckensszenario sieht er nur einen möglichen Ausweg: Flüchten, indem er seine Augen fest zusammenkneift und damit sein Erwachen herbeiführt. Neben dem Gefühl machtlos zu sein, ist da auch die Einsamkeit. Claudio ist im Traum auf sich alleine gestellt – es ist das gleiche „Im Stich gelassen werden“, das ihm widerfährt, wenn er vor die Klasse treten muss und von Frau Steinhardt vor den Augen der anderen Schüler für sein Fehlverhalten getadelt wird. Im Traum wie auch im Wachleben ist Claudio unbewaffnet und schutzlos. Frau Steinhardt ist hingegen mit einem ganzen Arsenal schrecklicher Kampfwerkzeuge ausgestattet. Dies ist ein wichtiger Hinweis darauf, wie Claudio die Beziehung zwischen sich und seiner Lehrerin wahrnimmt. Zwischen beiden besteht ein extremes Machtgefälle. Aber nicht nur das – die Beziehung ist in eine derart zerstörerische Schräglage geraten, dass beide – Claudio und seine Lehrerin – nur noch in ihrer jeweils festgefahrenen Weise aufeinander reagieren können: Frau Steinhardt als Angreiferin und Claudio als hilfloses Opfer. Im Traum werden keinerlei Lösungen für Claudios Problem sichtbar. Lediglich die anderen Kinder, die noch irgendwo im Dschungel spielen sowie der Dschungel selbst könnten ihm in dieser misslichen Lage Ressourcen anbieten.

Wie kann Claudio die Traumerfahrung bewältigen? Der Traum wiederholt sich in verschiedenen Variationen genauso wie sich das Drama in der Schule Tag für Tag wiederholt.

Claudio unterliegt dem gefährlichen Affen im Traum ebenso wie Frau Steinhardts Sanktionen. Wir sehen klar, dass Claudio in dieser misslichen Lage Unterstützung braucht. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum einen lässt sich die Traumerfahrung direkt nutzen, das heisst, Antonia kann das Traumgeschehen mit Claudio nochmals anschauen, um mögliche Lösungen gedanklich zu konstruieren. Des Weiteren kann sie jetzt gezielter als vorher an geeigneten Lösungen im Alltag arbeiten. Beginnen wir damit, die Traumerfahrung selbst noch einmal zu nutzen und sehen wir anschließend, was sich konkret im Wachleben verändern lässt.

 Antonia: Könntest du dir denn vielleicht doch eine Möglichkeit vorstellen, wie du den Affen besiegen könntest? (Gedankenexperiment)

Claudio: Nein, den Affen kann ich nicht besiegen.

Antonia: Ich bin mir da nicht so sicher. Bestimmt gibt es da eine Möglichkeit. Waren da nicht noch deine Freunde im Dschungel? Außerdem ist es nur ein Affe, du bist doch viel schlauer als ein Affe. (Stärken benennen)

Claudio: Ja, ganz klar. (gelöst) Gorillas sind zwar stark, aber auch doof. Ich bin viel schlauer! Und wenn ich Hendrik rufe, dann kann er mich vielleicht hören. Dann bauen wir eine Falle, in die er hineintapst, der dumme Affe! Im nächsten Traum nehmen wir ihn dann gefangen, machen ein Feuer und braten den Affen.

 Wie geht es weiter? Die positive Umgestaltung der Traumdramartugie wird Claudio dabei helfen, den Alptraum zu überwinden. Durch diese erfolgreiche Wendung, gewinnt er an Selbstbewusstsein im Wachen. Das führt natürlich nicht automatisch dazu, dass sich der Umgang mit der Lehrerin verändert. Doch Claudio wird bei der nächsten Konfrontation wacher sein und seiner Lehrerin anders, vielleicht ein kleines bisschen selbstbewusster in die Augen sehen. Allein die erhöhte Sensibilität und veränderte Haltung gegenüber dem Problem tun Claudio gut. Und was könnte Antonia tun? Ihr ist jetzt erst richtig klar geworden, dass Claudio dringend Hilfe braucht. Ihr Sohn wird allein nicht in der Lage sein, seiner Lehrerin auf Dauer Paroli zu bieten. Daher ist es wichtig, mit der Lehrerin zu sprechen. In schwierigen Fällen reicht ein einziges Gespräch nicht aus, um Fortschritte zu erzielen. Was dabei noch günstig ist: Wenn Antonia mit Claudios Lehrerin laufend in Kontakt ist, wird dies das schwächste Glied in diesem System entlasten. Das ist Claudio. So kann Claudio wieder durchatmen und sich um seine Kernaufgaben, das Lernen in der Schule kümmern. Leider werden solche wichtigen Gespräche viel zu selten geführt und wenn, dann bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass diese auch erfolgreich verlaufen. Deswegen könnte auch hilfreich sind, einen neutralen Vermittler hinzuzuziehen. Vielleicht einen weiteren Lehrer oder einen Mediator. Dieser achtet darauf, dass Ziele im Blick behalten und Gesprächsregeln beachtet werden.


Traum aus dem Buch „Traumgespräche – Was Träume über das Seelenleben von Kindern verraten“ (2010)

Categories: Traumblog

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