Träume verstehen

Progression des Seins

Projektion

rotrosKinder identifizieren sich leicht mit den Figuren in ihren Bilderbüchern. Wenn Kinder Geschichten lesen, können wir gut erkennen, wie sie eigene Probleme, Gefühle, Hoffnungen, Wünsche oder Gedanken stellvertretend durch ihren ganz persönlichen Helden zum Ausdruck bringen. Sie projizieren ihre innere Welt in die Erlebniswelt der Figuren.

Der quietschende Stuhl weint, der Teddybär hat Bauchweh, und die Puppe ist fröhlich oder richtet gerade den Tee für den anstehenden Besuch. Fachleute sprechen von der magischen Phase der kindlichen Entwicklung und meinen, dass in der kindlichen Vorstellung Realität und Phantasie noch allzu oft verschwimmen. Es ist so, als würden Sie ihre Umgebung mit Gefühlen und Fähigkeiten füttern, die momentan für sie selbst sehr wichtig sind. Fabian (12 – Kind mit Downsyndrom) träumt: „Ich bin der Avatar und der Spartakus (Figuren aus dem Fernsehen) und ich bin stark wie die.“ Doch wer glaubt, dass wir als Erwachsene völlig frei von solchen Identifikationen und Projektionen sind, irrt sich. Auch wir beseelen ständig Dinge, sobald sie sich bewegen oder uns der Gestalt wegen an lebende Wesen erinnern. Denken sie nur an die Wurzeln unter Bäumen, die zu Zwergen oder Fabelwesen werden oder etwas zeitgemäßer: Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf einer Autobahn, überholen einen LKW und in Ihrem Rückspiegel taucht ganz unerwartet eines dieser schnellen neuen Autos auf, „lichthupend“ und „auffahrend“. Das ist fast so, als würden Sie von einer gefährlichen Raubkatze verfolgt. Mit leuchtenden Augen, weit aufgerissenem Rachen und mit einem unbarmherzigen Tempo ist uns diese Bestie auf den Versen und droht uns zu verschlingen. Wenn wir uns bedrängt fühlen, fällt es uns schwer die Blechkiste als das zu sehen, was sie ist. In jenem Moment verleihen wir dem Auto tierähnliche Attribute. Diese wahnhafte Vorstellung wirkt um so echter,  je gestresster wir in solchen Momenten sind.

„Projizieren ist ein Hinausverlagern unbewusster Inhalte in die Außenwelt, die als den anderen Menschen oder Dingen zugehörig wahrgenommen und zunächst nicht als Eigenes erkannt werden.“ (Klaus-Uwe Adams)

Trotz aller Verstandesfähigkeit, die uns Menschen auszeichnet: Wir können kaum anders als das, was wir wahrnehmen durch den Filter unserer Persönlichkeit laufen zu lassen und missachten dabei wie die Dinge tatsächlich sind. Aber es ist uns meist nicht bewusst. Deutlich wird dies zum Beispiel dadurch, dass wir an anderen gerade das bemängeln, was wir an uns selbst nicht mögen: „Aber was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?“ 

Auch in unseren Träumen projizieren wir. C.G.Jung ging davon aus, dass die dunklen Seiten unserer Persönlichkeit, jene, die wir gerne verneinen als Schattenwesen in unseren Träumen auftauchen. Im Traum stülpen wir diese „abgestoßenen“ Wesensanteile einfach irgendwelchen Traumfiguren über, oder Tieren, die eben ganz gut dazu passen. Da mutiert im Traum ein im Wachen friedfertiger Hund  zu einem bösartigen Wolf, weil er uns als Projektionsfläche für unsere nicht lebbaren aggressiven Impulse dient. Oder eine Frau träumt von einer Katze, die ihr erotisch-verführerisch begegnet obwohl sie im Wachen eigentlich stocksteif ist. Die Katze dient somit als Projektionsfläche für ihre weiblich-verführerischen Anteile, die sie sich zu leben verbietet. Im Wachen helfen uns solche Projektionen ein sozial akzeptables Selbstbild zu bewahren. Im Traum sind wir wieder mit dieser Selbsttäuschung konfrontiert.

In der Traumarbeit können wir dieses Wissen nutzen, in dem wir in die Rolle der Traumfiguren schlüpfen und die Assoziationen beachten, die dabei spontan entstehen.

C.G.Jung: Der Mensch und seine Symbole. 18. Auflage 2012

Laura E. Berk (2011): Entwicklungspsychologie – Die Entwicklung des Menschen von Geburt bis Lebensende im Überblick (Pearson Studium – Psychologie)

Klaus Uwe Adams (2010): Therapeutisches Arbeiten mit Träumen: Theorie und Praxis der Traumarbeit (Springer)

 

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