Träume verstehen

Progression des Seins

Was uns plagt und manchmal tötet – Alpträume

Johann_Heinrich_Fussli_alpdruecken_pavor_nocturnusAlpträume sind faszinierend, sie tragen uns an die Grenzen des momentan Erträglichen. Kaum ein anderes Erlebnis fühlt sich so authentisch an. Erfahrene Träumer, die eine zeitlang keine Alpträume hatten, fangen an, diese zu vermissen. Nicht nur wegen des außerordentlich intensiven Erlebens, sondern vor allem weil Alpträume heftig an jene Türen pochen, hinter denen großartige neue Projekte auf uns warten oder Entwicklungschancen schlummern. Doch woran erkennen wir, mit welchen entwicklungsförderlichen Themen Träume sich gerade beschäftigen? Alpträume sind Gratwanderungen, sie können faszinierende Einsichten schenken, uns aber auch in die Tiefe stürzen lassen. Sie zeigen uns, dass wir in manchen Aspekten unseres Daseins nicht souverän genug agieren. Wir werden zum Spielball vermeintlich fremder Kräfte: Der Drache, der uns bezwingt, der dunkle Schatten, der uns verfolgt, die Hexe, die uns verschlingt, die Prüfung, die wir nicht bestehen, der Zug, der uns zurück lässt. 

Alpträume sind Chancen, sich mit dem dunklen Begleiter der Seele, der Angst auseinanderzusetzen. Die Angst, die uns mitteilt: Sei wachsam, hier könnte es gefährlich werden.

Alpträume konfrontieren uns mit Herausforderungen, mit einer Aufgabe, die uns gänzlich fordert. Sie sind der Versuch, sich in einer gefährlichen Situation zu bewähren. Oftmals leider erfolglos, dann bleibt als letzte Option meist nur das Aufwachen, um der Gefahr zu entrinnen.

Die Angsttherapie hat eines zum Ziel: Es geht darum wieder handlungsfähig zu werden. Einen Alptraum zu ignorieren mit der Floskel „war doch nur ein Traum“, wäre nichts anderes als der Herausforderung, auf die die Angst verweist, ein zweites Mal zu entkommen.

Doch was können wir nun tun, wenn uns ein Alptraum widerfährt? Wichtig scheint mir, die Herausforderung aus dem Traumgeschehen herauszuarbeiten. Also folgende Frage zu beantworten:

Welche Verhaltensweise oder Fähigkeit wird momentan in meinem Leben gefordert? Es ist klar, dass es hier weniger um das Erlernen von Fertigkeiten geht, wie die des Fahrradfahrens, sondern eher um subtile Fähigkeiten, die wir im Umgang mit anderen Menschen benötigen. In unseren Alpträumen sind wir meist auf Jemanden bezogen, auf Menschen, die uns wichtig sind. Sich gegenüber anderen Menschen abzugrenzen, „Neinzusagen“, mit Beleidigungen und persönlichen Attacken umgehen zu lernen, sich gegenüber anderen zu behaupten, sich seiner sozialen Rolle bewusst zu werden, die Beziehungen zu anderen Menschen zu klären, diese möglicherweise zu verändern, den Arbeitsplatz zu wechseln oder mit der Ohnmacht, die ensteht wenn Eltern sich scheiden lassen.

Oftmals sind wir auch auf Etwas bezogen, dann geht es um die Angst vor dem Krankwerden, den eigenen Tod, die Angst vor dem Älterwerden, der Beziehung des angstvollen Ichs zu seinem Körper und seinen Begrenztheiten.

Manche Alpträume sind Angriffe des eigenen Schattens, also denjenigen persönlichen Eigenschaften, die nicht mit unserem Selbstbild übereinstimmen, die aber dennoch in unserem Inneren „herumgeistern“ und mit denen wir uns nicht konfrontieren wollen, aus Angst einen Makel zuzugeben.

Viele Menschen, die traumatische Erfahrungen durchlitten haben, durchleben diese immer und immer wieder – oftmals in veränderter Form – in ihren Träumen. Heute verstehen wir diese Art von Träumen als den Versuch das schreckliche Erlebnis zu integrieren, um es somit erträglicher zu machen.

Aber woran erkennen wir nun, welches Problem sich hinter welchem Alp verbirgt? Das scheint mir eine sehr persönliche Angelegenheit zu sein. Wenn der Träumer (36) z.B. erzählt:

Ein Wesen, scheinbar nicht von dieser Welt, steht mir in einem alten mittelalterlichen Saal gegenüber. Ein überirdischer Dämon, in Menschengestalt, mit einer grünlich-schwarzen Echsenhaut, wehrhaft bestachelt. Die schwarzen Augen auf gelbem Grund funkeln siegessicher und bestialisch. Weit über zwei Meter misst das Vieh, das die Kraft eines Büffels hat, nur bewegt es sich weitaus souveräner und geschmeidiger. Das dämonische Wesen ist unglaublich stark und offensichtlich sehr entschlossen. Gekommen um mich zu töten. Wir schlagen unaufhörlich mit schweren eisernen Waffen aufeinander ein. Ich bin flinker und seltsamerweise fehlt es mir nicht an Mut. Ich dresche mit letzter Anstrengung auf den Körper dieses Ungetiers. Ein Drachenkampf, wie er im Buche steht, so erlebe ich es. Die Bestie ist nicht zu besiegen. Irgendjemand teilt uns mit, dass dies ein Kampf auf Leben und Tod ist, es gibt keine Regeln.

Es scheint so, als hätte dieses Erlebnis nur in seiner „psychischen Qualität“ seine Entsprechung im Alltag. Das Erlebnis selbst, die Umstände, die Art des Kämpfens, die Waffen, die Umgebung – all das sind Gestaltungsmittel, die aus dem Geschichten- und Archetypenschatz des Träumers stammen. Im Zentrum steht das Kämpfen gegen einen unbesiegbaren Feind. Trotz aller Brutalität und Gefahr wird aber auch deutlich, dass der Träumer tatkräftig, mutig, unermüdlich und entschlossen auftritt. Er stellt sich der Bestie und lässt sich keineswegs unterkriegen. Das Alptraumhafte, ist die Übermacht des Gegners, der sich nicht bezwingen lässt.

Der Träumer berichtet später davon, dass er die Nacht über hinweg unter schweren Schmerzen litt und wenige Tage später bei einer Notoperation fast sein Leben verlor. Die Fähigkeit, die dem Träumer abverlangt wurde, war die Auseinandersetzung mit seinem körperlichen Leiden, der Kampf gegen seine Schmerzen, die Auseinandersetzung mit dem nahenden Tod und dem Sterben. Tapfer zu bleiben, sich nicht unterkriegen lassen, Überlebenswillen zu entwickeln, die letzten Kräfte und Möglichkeiten zu mobilisieren. Das alles konnte der Träumer in seinem Alptraum durchleben und trainieren. Auch unter großen Schmerzen hatte er noch Mut und Energie genug, ins Leben zurückzukehren.

In früheren Zeiten, wäre der Träumer wohl schon bald verstorben, seiner schweren Erkrankung erlegen. Der Traum vom Kampf mit dem dämonischen Wesen, wäre früher als eine Begegnung mit dem Tod verstanden worden.

In welchen alltäglichen Situationen empfinde ich ähnlich? Die stabilste Brücke vom Alptraum zum Wachleben ist das im Traum erlebte Gefühl. Deswegen finden Sie durch die Antwort auf die Frage meistens auch die verursachende Quelle des Alps, das Leid, die Not, das versagte Bedürfnis, welches im Traum seinen theatralischen Ausdruck findet.

Hilfreich sind auch folgende Fragen, dann werden Sie Ihrem persönlichen Geheimnis ganz bestimmt auf die Spur kommen:

In welchen Situationen fühle ich mich ähnlich ohnmächtig?

Welche Verantwortung bin ich gerade nicht bereit zu tragen?

Vor welchen Situationen möchte ich am liebsten davonlaufen?

Welche Vor- bzw. Nachteile sind für mich mit dieser Angst bzw. mit der Flucht vor der Herausforderung verbunden?

Wie würden andere Menschen dieser Herausforderung begegnen, was kann ich daraus lernen?

Was kann ich an mir und in meiner Umgebung ändern, um meine Ängste zu vermindern bzw. meine Probleme besser zu bewältigen?

Welcher Herausforderung begegnen Sie in Ihren Träumen?

Categories: Traumblog

Schreibe einen Kommentar

© Markus Salhab - Gerberstr. 31 - 78050 Villingen - 07721/2060676 - kontakt@markus-salhab.de

traeume verstehen - der leitfaden