Träume verstehen

Progression des Seins

Weshalb wir schlafen

schlafendes-babyVor einigen Jahren watschelte eine Ente durchs Land, die verkündete, dass Vokabeln, die man dem Schläfer ins Ohr flüstert, ohne Anstrengung gelernt werden. Was ist von dieser These übrig geblieben? Nichts. Aber immerhin, Untersuchungen zeigen: Wer Gelerntes nachhaltig behalten möchte, der sollte ordentlich schlafen.

Die Macht, mit der uns das Schlafbedürfnis überfällt, zeigt: Unser Körper zwingt uns mit drastischen Mitteln zum Schlafen. Auch wenn sich manche Menschen wünschen, das lästige Nichtstun abzuschaffen, um unentwegt produktiv zu sein, es funktioniert nicht. Schlafen ist essentiell, dies zeigen Schlafentzugsexperimente an Tieren, die innerhalb weniger Tage ausnahmslos versterben. Schlafentzug führt sogar schneller zum Tod als Nahrungsentzug. Es ist eines der schlimmsten Foltermethoden, die es gibt. Jeder hat das schon in ähnlicher Form erfahren, wenn er aufgrund äußerer Zwänge – zum Beispiel beim Autofahren – am Schlafen gehindert wird. Offensichtlich fordert der Körper ein, was er braucht.

Was passiert im Schlaf? Wenn wir schlafen befinden wir uns für ca. acht Stunden in einem Zustand, in dem sich Geist und Körper ganz auf sich selbst besinnen. Im Schlaf sind die Pforten zur Außenwelt weitgehend geschlossen: Sinnesreize, Viren und Bakterien haben jetzt nur noch beschränkten Zutritt. Gegen die langgehegte Vermutung, dass wir im Schlaf nichts tun, bzw. uns lediglich von den Mühen des Tages ausruhen, sprechen unzählige physiologische Prozesse im Körper. Die Stoffwechselaktivität ist kaum geringer als im Wachen. „Der Mensch spart in acht Stunden Schlaf gerade mal die Energie eines Toastbrotes“, sagte Zulley in einem Gespräch mit Spiegel Online und widerlegt damit ein Argument des amerikanischen Schlafforschers Siegel, der glaubt, dass der Schlaf in erster Linie ein Energiesparmodus unseres Körpers ist. Unser Gehirn arbeitet vor allem im REM-Schlaf auf Hochtouren, unsere Verdauung ist tätig, alle anderen Organe sowieso. Lediglich die Muskeln sind entspannt. Also von Ruhe keine Spur.

Aber was passiert genau?

  • Das Immunsystem regeneriert sich im Tiefschlaf und stabilisiert sich: Wer nach einer Impfung nicht schläft, bleibt anfällig für Erkrankungen. Wer grundsätzlich gut schläft, wird seltener krank und dessen Wunden heilen schneller.
  • Melatonin und Cortisol werden ausgeschüttet. Wer nicht schläft produziert weniger von den Hormonen Melatonin und Cortisol. Sie sorgen dafür, dass Krebszellen im Körper gar nicht erst entstehen bzw. bekämpft werden.
  • Im Schlaf werden Wachstumshormone ausgeschüttet. Kinder, die wenig schlafen, wachsen langsamer. Auch bei älteren Menschen erneuern sich die Zellen der Haut im Schlaf.
  • Die Endverdauung findet statt, während wir schlafen. Ein Prozess, der nicht durch Mahlzeiten gestört werden darf, denn sie braucht Ruhe.
  • Schlafmangel verschiebt den natürlichen Sollwert des Blutzuckerspiegels. Dieser aber entscheidet darüber ob wir uns satt oder hungrig fühlen. Jan Born, Schlafforscher aus Lübeck: „Menschen, die zu wenig schlafen, scheinen den ursprünglichen Sollwert quasi zu vergessen.“
  • Der Fetthaushalt stabilisiert sich, so kann zu wenig oder zu viel Schlaf die Körperfettmasse erhöhen.
  • Aus psychologischer Sicht ist die Gedächtnisbildung eine wichtige Funktion des Schlafs: Im Schlaf wird das Gedächtnis gefestigt. Je schlechter der Schlaf oder je kürzer die Schlafdauer eines Menschen, desto weniger gut gelingt es ihm, was er tagsüber gelernt und erfahren hat, zu erinnern.

Der renommierte amerikanische Schlafforscher Matthew Walker meint: „Es scheint, dass man während des Schlafs Erinnerungen in jene Hirnregionen verschiebt, die sich für die Lagerung besser eignen.“ Und meint damit die Übertragungen von Erlebnissen des Tages vom Hippocampus in die Großhirnrinde, wo sie für immer strukturellen Boden unter den Füßen finden. Aber weshalb kann das nicht im Wachen stattfinden? Die Forscher gehen davon aus, dass Neuronen nicht multitasking fähig sind, sie können nicht gleichzeitig neue Informationen aufnehmen und bereits gemachte Erfahrungen verarbeiten.

Fassen wir also nochmals zusammen: Im Schlaf sind wir von äußeren Einflüssen abgelöst. Der Körper regeneriert sich, repariert, was tagsüber geschädigt wurde, unausgewogene physiologische Prozesse finden wieder ins Gleichgewicht, Kinder können ungestört wachsen und unser Darm kümmert sich in Ruhe um seinen Inhalt. Und ganz wichtig, wir festigen unsere tagsüber gemachten Erfahrungen.

Aber was ist mit dem Träumen? Während unser Körper und das Gehirn all diese mühsame Arbeit verrichtet, verwöhnt uns das Gehirn mit angenehmen, bzw. spannenderen Dingen: Den Träumen. Aus dieser Perspektive scheint es nachvollziehbar, wenn viele Forscher annehmen, dass das Träumen lediglich eine verzichtbare Begleiterscheinung des Schlafes ist. Denn es ist zu bezweifeln, dass die Träume, die Konsolidierungsprozesse, also den Aufbau der Gedächtnisinhalte, unterstützen. Mark Solms hat festgestellt: Menschen, denen die Fähigkeit zum Träumen durch Schädigungen bestimmter Hirnstrukturen genommen ist, haben keine nennenswerten Einbußen ihrer kognitiven Funktionen zu beklagen. Sollte das Träumen wirklich nutzlos sein?

Quellen:

Spiegel – Wissen: Schlaf und Traum

http://meaulnes.legler.org/Artikel/LernenImSchlaf.html

http://www.zeit.de/2010/13/M-Jan-Born-Interview

Eugen Drewermann: Glauben in Freiheit: Atem des Lebens. Die moderne Neurologie und die Frage nach Gott. Band 1: Das Gehirn: BD 3.4

Peretz Lavie: Die wundersame Welt des Schlafes

Categories: Traumblog

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